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Kennst du Antoine
de Saint-Exupéry?

Karlheinrich Biermann

Großer Beliebtheit erfreut sich noch heute die Geschichte vom kleinen Prinzen, jenem philosophischen Märchen, das von Liebe, Freundschaft und Tod handelt. Darin geht Saint Exupery der Frage nach dem Sinn des Lebens nach und blickt zurück auf sein eigenes: das Abenteuer einer Bruchlandung, das Überleben in der Wüste, die Sehnsucht nach der verlorenen Liebe … all das war dem Autor nur allzu vertraut.

Der Königsbote

Der Königsbote

Florian Russi

Auf der Suche nach einem tüchtigen König einigten sich die deutschen Fürsten auf Otto, einen noch jungen Herzog von vornehmer Herkunft, edlem Äußeren, großer Tapferkeit und untadliger Gesinnung. Trotz seiner Jugend und Unerfahrenheit nahm Otto die Wahl an. Er war in einem Alter, in dem man sich noch alles zutraut, auch die Fähigkeit, ein großes Land zu regieren.

Im Aachener Dom wurde Otto gekrönt, im Dom von Magdeburg feierlich in sein Amt eingeführt. Einer der ersten, der ihn dazu beglückwünschte, war Kilian, ein irischer Missionar. In der Nähe von Magdeburg hatte er mit Gefährten ein Kloster gegründet. Als Otto ihn Jahre zuvor dort besucht hatte, war Kilian mit den Worten: »Da kommt der zukünftige deutsche König« auf ihn zugegangen. Die es hörten, hatten damals über diese Weissagung gelacht und sie für eine Form irischen Humors gehalten. Jetzt konnte Kilian zu Otto sagen: »Habe ich nicht recht behalten?«

Otto erwiderte ihm: »Wenn du ein solch gutes Gespür für Menschen und Entwicklungen hast, so werde mein Berater und verrate mir, wie ich mein Land gerecht und erfolgreich regieren kann.«

Kilian antwortete ihm: »Ich bin ein Mann der Kirche und des Glaubens. Das will ich auch bleiben. Wenn du aber wissen willst, wie du deine Regierungsgeschäfte richtig führen sollst, so sende einen Boten zu meinen Ordensbrüdern im Kloster zu Fulda. Dort wird eine kleine Schatulle aufbewahrt, in der sich eine Schriftrolle befindet. Sie trägt den Titel: >Von der Weisheit des Regierens<. Diese Schrift hat im Alter von achtzig Jahren ein früherer irischer König verfasst, der mit siebzig Jahren Mönch geworden war und sich in die Einsamkeit zurückgezogen hatte. Nach Vorlagen aus der Geschichte König Salomons und anderer weiser Herrscher des Altertums verfasste er die Texte. Wenn du sein Werk besitzt und dich nach ihm richtest, wirst du ein erfolgreicher und angesehener König werden.«

Kilian stellte Otto ein Empfehlungsschreiben aus, und dieser beauftragte Ulrich, seinen treuesten Freund und Waffengefährten, mit dreißig Rittern zum Kloster nach Fulda aufzubrechen und sich die Schatulle aushändigen zu lassen. »In zwei Monaten werde ich mich in Landsberg aufhalten, um Rat und Gericht abzuhalten. Dort warte ich auf deine Rückkehr«, sagte er zu ihm. Sofort brach Ulrich mit seiner Begleitung in Richtung Fulda auf. Derjenige, welcher der Gruppe voranritt, trug die königliche Standarte mit sich. So war erkennbar, dass es sich bei dem Trupp um eine wichtige Gesandtschaft handelte. Unterwegs kehrten Ulrich und seine Gefährten in Burgen und Klöstern ein. Überall war man neugierig darüber, welchen Auftrag die Gruppe zu erfüllen hatte. Ulrich beschränkte sich darauf zu sagen: »Wir sind auf dem Weg, ein Geschenk abzuholen, welches ein Abt für unseren König bereithält.«

Die Gastgeber rätselten dann, was das für ein Geschenk sei, für das eine stattliche Ritterschaft eine beschwerliche Reise auf sich nahm.

Nach drei Wochen traf Ulrich mit seiner Geleitmannschaft im Kloster in Fulda ein. Als er dem dortigen Abt Kilians Schreiben vorlegte, wurde ihm die Schatulle ausgehändigt. Ulrich versteckte sie an seiner Brust und machte sich sofort auf den Rückweg.

Auf dem Hinritt hatte er den Eindruck gewonnen, dass seine Gastgeber übermäßig am Zweck seiner Reise interessiert waren und die geäußerte Neugierde nicht immer von Wohlwollen getragen war. Die Wahl Ottos zum deutschen König hatte nicht nur Befürworter. Manchem Landesherrn war er zu jung für ein so schweres Amt, und es gab sogar einige, die sich vorgenommen hatten, dem König keine lange Regierungszeit zu vergönnen.

Deshalb ritt Ulrich nicht auf gerader Strecke zum vereinbarten Treffpunkt in Landsberg, sondern schlug mehrere Umwege ein. Vor jeder neuen Etappe seiner Rückreise zog er Erkundigungen darüber ein, durch wessen Herrschaftsgebiet die Wegstrecke führte und mit welchen Gefahren zu rechnen war. Seinen Begleitern schärfte er ein, sich unterwegs gesittet zu benehmen und zu keiner Gewalttätigkeit hinreißen zu lassen. So gelangte er eines Tages zur Burg Gleichen, wo er vom Burgherren, Ritter Ewald, höflichst willkommen geheißen wurde.

Ritter Ewald gab sich als glühender Bewunderer Ottos zu erkennen. »Betrachte mich und meine Mannschaften als treue Gefolgsleute des Königs. Sein Leben ist mein Leben und sein Glück das meine«, versicherte er. Dann führte er Ulrich in die Schatzkammer seiner Burg. Sie war bis an die Decke gefüllt mir Gold, Silber und Edelsteinen. Ewald unterließ es zu sagen, dass er diese Schätze auf Beutezügen erobert oder geraubt hatte. «Suche dir aus, was dir gefällt, und behalte es selbst oder bringe es deinem König«, erklärte er stattdessen.

Ulrich nahm ein mit Juwelen besetztes Kreuz und bedankte sich: »Es ist wunderschön und wird meinem Herren gefallen. Ich selbst will kein Geschenk annehmen, bin ich doch nur des Königs Bote.« Dabei dachte er: Wäre ich nicht Ottos Vertrauter, hätte Ewald mir nie ein Geschenk angeboten.

»Da du des Königs Bote bist, hast du sicherlich den Auftrag, dessen Vasallen mitzuteilen, welche Absichten er für die Zukunft verfolgt«, antwortete Ewald. »Als des Königs getreuer Gefolgsmann muss ich sie kennen, damit ich ihm dienen kann.«

»Otto wird wie seine Vorgänger durch das Land reisen und sich mit Fürsten, Grafen und Rittern treffen, um seine Regierungsziele mit ihnen festzulegen«, erwiderte Ulrich. Da wurde Ewald ungeduldig und schmeichelte ihm. »Wenn Otto dich mit einer so stattlichen Gefolgschaft durch die Lande schickt, genießt du sein Vertr auen und kennst seinen Charakter und seine Absichten.« Er ließ köstliche Speisen und vor allem viel Wein auffahren und forderte Ulrich immer wieder auf, mit ihm auf das Wohl des Königs zu trinken. Ulrich trank immer nur soviel, dass er nicht unhöflich erschien. Meistens nippte er nur an seinem Becher oder befeuchtete seine Lippen. Schließlich war sein Gastgeber sturzbetrunken, Ulrich aber noch recht nüchtern. Da wurde Ewald ausfällig, nannte ihn einen anmaßenden Gesellen, der nicht wisse, dass auch ein König auf treue Anhänger wie ihn, Ewald, angewiesen sei.

Ulrich versicherte schließlich, dass er Otto ans Herz legen werde, sich bald schon mit Ewald zu treffen, da er einen so treuen Anhänger nicht noch einmal finden werde. Zu weiteren Aussagen ließ er sich nicht verführen. In seiner Vorsicht wurde er bestärkt, als er erfuhr, dass Ewalds Bedienstete auch Ulrichs Begleiter mit Fragen nach dem Grund ihrer Reise bedrängt und heimlich das Reisegepäck des königlichen Trupps durchsucht hatten. Als Ulrich sich anderntags von Ewald verabschiedete, schickte der ihm Wachtleute mit auf den Weg. Sie sollten ihn geleiten und für seine Sicherheit sorgen, behauptete der Ritter. In Wahrheit hatten sie von ihm den Auftrag bekommen, Ulrich und seine Begleiter weiter auszuspionieren.

Als nächste Station steuerte Ulrich das Kloster Glanroda an. Abt Patricius empfing ihn in feierlicher Prozession und lud ihn an seine Tafel ein. »Es ist mir bekannt, dass du in unserem Mutterkloster in Fulda ein Geschenk für deinen König abgeholt hast. Gib es mir für die Nacht in Verwahrung, damit es nicht verloren geht«, sagte er. Dabei warf er einem seiner Klosterbrüder einen vielsagenden Blick zu. Ulrich hatte das Gefühl, dass auch die Mönche kein ehrliches Spiel betrieben und antwortete, um sie zu prüfen: »In der Tat haben eure Fuldaer Ordensbrüder unseren König mit einem einmaligen Geschenk bedacht. Da es für Otto und nicht für mich bestimmt ist, habe ich die Verpackung nicht geöffnet. Es soll sich um eine sehr wertvolle Reliquie handeln.«

Da antwortete Abt Patricius in heißer Aufwallung: »Von wem stammt diese Reliquie?« Er dachte sofort an den Knochen eines Heiligen. Klöster und Kirchen der damaligen Zeit gaben alles darum, in den Besitz einer solchen Devotionalie zu kommen. Mit ihr verbanden sich Wunder und Heilungen, so dass viele Pilger kamen und satte Opfergaben darbrachten.

Ulrich merkte aber aus der neugierigen Frage, dass Abt Patricius nicht wusste, was man ihm tatsächlich im Kloster in Fulda ausgehändigt hatte. Deshalb antwortete er:

»Abt Kilian hat das Geschenk ausdrücklich für meinen Herrn bestimmt. Was würdest du sagen, wenn es sich dabei um einen Partikel aus der Elle des Heiligen Apostels Johannes des Evangelisten handelte?«

»Johannes des Evangelisten«, wiederholte der Abt mit feurigem Eifer in der Stimme. »Gib mir das Stück in Verwahrung. Ich werde davor niederknien und für dein Seelen- heil und die Gesundheit des Königs beten.«

Ulrich tat, als ob er zu seinem Gepäck gehen und das Geschenk suchen wolle. Eiligst besprach er sich stattdessen mit einem Getreuen. Der ging unter einem Vorwand in die Klosterküche, nahm heimlich aus dem Abfall den Beinknochen eines getöteten Hirschs an sich und zertrümmerte ihn zu kleinen Splittern. Einen davon färbte er ein und wickelte ihn in feines Tuch. Mit feierlicher Geste übergab Ulrich dann dem Abt das vermeintliche Kleinod.

Abt Patricius konnte die Nacht über nicht schlafen. Eine Reliquie des Evangelisten Johannes in seinem Kloster - das war eine Sensation. Warum soll nicht sowohl König Otto als auch ich vom selben Heiligen einen Knochensplitter besitzen, fragte er sich. Woher soll Otto merken, wenn ich die Knochen tausche und nur meine Reliquie echt ist? Entscheidend ist der Glaube. Also ließ der Abt nach dem Klosterbruder rufen, der für Schlachtungen zuständig war, und tauschte den Knochenpartikel, den Ulrich ihm gegeben hatte gegen den Splitter einer Schweinerippe aus. Zum Abschied überreichte er Ulrich das vertauschte Stück, umarmte ihn und gab ihm den Friedenskuss.

Auf seiner Weiterreise gelangte Ulrich ins Saaletal und in die Nähe der Rudelsburg. Wer weiß, was der dortige Burgherr Übles im Schilde führt, dachte er bei sich. Als die Reisegesellschaft an einer kleinen Kapelle vorbeikam, ließ er seine Begleiter in einiger Entfernung anhalten und bat darum, ihn ungestört in der Kapelle beten zu lassen. Dort im Inneren stand neben anderen Heiligenfiguren die der römischen Kaiserin Helena. Eine ihrer hinteren Mantelfalten hatte einen Riss. Ulrich schlug vorsichtig an dieser Stelle ein Loch, zog die Schatulle mit der Schriftrolle aus seinem Wams und versteckte sie im Hohlraum der Figur der Heiligen. Dann ritt er weiter und ließ sich auf der Rudelsburg anmelden.

Dort herrschte Graf Arno. Dieser machte Ulrich deutlich, dass er König Otto weder an Herkunft noch an Tapferkeit im Rang nachstehe und mit gleicher Berechtigung wie Otto zum König hätte gewählt werden können. Heimlich ließ er Gereon, den Jüngsten aus der Begleitmannschaft Ulrichs, entführen und so lange foltern, bis dieser preisgab, dass Ulrich den Auftrag übernommen hatte, im Kloster zu Fulda eine hochwichtige Botschaft für seinen König in Empfang zu nehmen.

Sofort ließ Arno Ulrichs Gepäck durchwühlen und dann auch ihn selbst festnehmen und foltern. »Wo ist die Botschaft, die man dir im Kloster in Fulda übermittelt hat?« fragte Arno in grausamer Beharrlichkeit.

Ulrich wand sich unter den fürchterlichen Schmerzen der Folter. Immer wieder fiel er in Ohnmacht, doch ließ er sich keine Aussage abpressen. Schließlich drohte Graf Arno, er werde nicht nur ihn, sondern auch seine dreißig Begleiter töten lassen, wenn er nicht endlich verraten würde, welches die Botschaft sei, die ihm mitgegeben wurde.

Da antwortete Ulrich: »Du kannst mich und mein Gepäck durchsuchen und wirst nichts finden. Die Botschaft wurde mir nämlich nicht schriftlich, sondern mündlich übertragen. Sie lautet: >König Otto, wenn du lange und mächtig über Deutschland herrschen willst, so sammle deine Getreuen um dich, ziehe mit ihnen nach Jerusalem und befreie die Stadt, die Gottes Wohnsitz auf Erden ist, von der Herrschaft der Heiden. Nachdem du dies getan hast, begib dich auf den Ölberg nahe der Stadt. Dort wirst du auf einen bunt gekleideten alten Mönch treffen, der dir sagen wird, was du tun musst, um lange und erfolgreich zu regieren.<«

»Soll diese Botschaft nur für Otto gelten?« fragte Graf Arno. »Nein«, antwortete Ulrich. »Der erste deutsche Fürst, der in Jerusalem eintrifft, die Stadt erobert und den bunt gekleideten Mönch anspricht, wird von ihm erfahren, wie er ein machtvoller König wird.« Sofort ließ Arno seine Krieger zusammenrufen und rüstete zum Aufbruch nach Jerusalem. Er machte sich keine Vorstellung davon, wie weit und gefahrenvoll der Weg dorthin war. Sein Glaube an die magische Kraft der klösterlichen Botschaft war stärker als jede Vorsicht oder Vernunft.

Ulrich aber verließ mit seinen Begleitern die Rudelsburg. Er ritt zunächst zur Kapelle, um die Schatulle wieder an sich zu nehmen. Dann bildete er mit seinen Rittern eine geschlossene Formation und ohne Unterbrechung ritt er nach Landsberg. Dort, wo sich heute das Rittergut in Reinsdorf befindet, hatte König Otto sein Lager aufgeschlagen und wartete auf die Rückkehr des getreuen Freundes.

Als Ulrich in Reinsdorf eintraf, hatte er gerade noch die Kraft, dem König die Schatulle zu überreichen. Ehe dieser ihn freudig umarmen konnte, fiel er wieder in Ohnmacht. Sofort rief Otto seine Ärzte herbei und ließ Ulrich salben und pflegen. Nach ein paar Tagen trat er an sein Krankenlager und sagte: »Ich habe die Schatulle geöffnet. Sie enthielt nicht die Erkenntnisse des irischen Königs, sondern den Text eines Psalms von König David: >Gott sei mir gnädig! Denn Menschen schnauben wider mich, und täglich ängstigt mich mein Feind. Ja, meine Feinde schnauben immerfort, denn viele streiten gegen mich. ... Furchtlos vertraue ich auf Gott. Was können Sterbliche mir tun?< - Ein schöner Text, doch nicht die zugesagte Weisheit. Wer da wen betrogen hat, werden wir nicht mehr feststellen können. Abt Kilian hat sicher guten Glaubens gehandelt.«

Otto runzelte die Stirn: »Jetzt muss ich König sein aus eigener Anstrengung und Überzeugung. Mit verlässlichen Freunden wie dir und deinen Begleitern an meiner Seite traue ich mir zu, ein guter und gerechter Herrscher zu werden. Das nur konnte der Inhalt deiner Botschaft sein.«

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